Dies sollte nun meine 5. Tour Transalp (TTA) werden, und ich wollte mit meinen 42 Jahren nochmal wissen, was geht. Die Leidenschaft für dieses 7-Tage-Rennen über die Alpen begann ganz unbedarft 2011. Ich hatte ein Jahr zuvor mein erstes Rennrad gekauft und wurde mehr oder weniger dazu überredet teilzunehmen. Damals habe ich aus Startblock C gesehen, was vorn gehen kann und das ohne strukturiertes Training.
Die Formkurve ging bis Ende 2013 Stück für Stück nach oben, die Ergebnisse bei der Bike Transalp 2012 und der TTA 2013 waren schon sportlich. Aber ich wollte mehr und war auf der Suche nach einer richtigen Trainingsbetreuung. Durch einen glücklichen Zufall wurde mir das vom ehemaligen Radprofi Sebastian Lang angebotene Training bei seinem Unternehmen Pure Power Cycling empfohlen. Ich habe seither nicht nur eine sehr professionelle Betreuung erhalten, sondern hatte auch die Möglichkeit 2014 mit ihm als Teampartner die TTA zu bestreiten. Es ist und war die härteste Woche meines Lebens.

Die TTA 2014 hat mir aber auch den ersehnten Startblock A und ein völlig neues Leistungsniveau gebracht. Ein Jahr später musste ich leider hautnah miterleben, wie schmal der Grat ist, bei dem wir uns in den Abfahrten bewegen. Mein Teampartner stürzte bei der ersten Etappe der Tour Transalp 2015 in der Abfahrt Hahntenjoch so schwer, dass er verletzungsbedingt abbrechen musste. Die Verletzungen waren so gravierend, dass sie ihn den Rest seines Lebens beeinträchtigen werden.

Ich habe die TTA 2015 dann unfreiwillig als Einzelstarter beendet. 2016 gab es für mich eine Auszeit und den glücklichen Umstand Familienvater zu werden. Trotz der Freuden als Papa wollte ich bereits 2017 wieder ambitioniert Rennen fahren.

Dank der Trainingsbetreuung von Sebastian bei PPC lief bis zum MTB Marathon in Bad Frankenhausen alles sehr gut. Leider hatte ich bei dem Marathon einen schweren Sturz  bei  mehr als 60km/h und erlitt einen komplizierten Trümmerbruch am rechten Ellenbogen. Somit war die Radsaison 2017 gelaufen. 2018 habe ich als Aufbaujahr genutzt.

2019 wollte ich wieder bei meinem Highlight der TTA an den Start gehen. Als Vorbereitung gab es keine Rennen, lediglich 3 lange Marathon-Veranstaltungen wie den Rhön Radmarathon und eine sehr schöne Stoneman Rennrad-Runde mit Sebastian – also alles sehr lange Rennen. Dies war aber mein ausdrücklicher Wunsch. So bin ich mit über 9.000 km in den Beinen zur TTA gefahren – hatte so viele Trainingskilometer wie noch nie vor einer Transalp in den Beinen.

Etappe 1

  • Innsbruck-Brixen 90 km
  • Hm bergauf 1.174 Hm bergab 1.196
  • Ergebnis: Zeit: 2:10 h Platz AK 6
  • Ø Leistung 216 Watt // Normalized Power 276 W
  • Temperaturen Min 15°C, Max 30°C

Starten durfte ich auf Grund meiner Startnummer 1111 in Block B, Ziel für den Tag war also ab Etappe 2 in Block A zu starten. Nach der neutralisierten Startphase aus Innsbruck ging es im roten Bereich immer weiter nach vorn. Irgendwo muss doch die Spitzengruppe sein! Nachdem alles zerpflückt war, konnte ich gemeinsam mit drei weiteren Fahrern auf eine größere Gruppe aufschließen, und mit dieser fuhren wir dann an die Spitzengruppe heran.

Am Ende ging es dann kurz vor Brixen noch zwei kurze Rampen hoch. Hier habe ich mich dann zurückgehalten bzw. waren die Beine schon etwas schwer. Die Etappe war genau das, was ich seit sehr langer Zeit nicht gefahren bin, kurz und intensiv. Zum Glück habe ich mich in der Vorbereitung durch die SB Vorgaben im Trainingsplan gebissen, sonst wäre das heute nicht möglich gewesen.

Etappe 2

  • Brixen-Kaltern 143 km
  • Hm bergauf 3.273, Hm bergab 3.476
  • Ergebnis: Zeit: 5:25 h Platz AK 11
  • Ø Leistung 223 Watt // Normalized Power 253 W
  • Temperaturen Min 19°C, Max 37°C

Nach den harten Bemühungen vom Vortag startete ich aus Block A. Den ersten Pass, dass Penserjoch mit 1.220 Höhenmetern, bin ich noch wie geplant in 1:07 h und sportlichen 280 Watt hochgefahren.

Am Scheermoossattel musste ich dann aber bei voller Hitze (37°C) und gefühlt 46Grad richtig leiden. Mit wenig Schatten und Wind bin ich die 1.150 Hm in 1:20h bei gerade einmal noch 247 Watt hochgekrochen und habe meine Begleiter Stück für Stück ziehen lassen müssen.

Die letzten 20 Kilometer vor dem Ziel konnte ich nochmal angreifen. Im leicht ansteigenden Teil bin ich dann allein der Gruppe davon gefahren. Im steilen Schlussanstieg konnte ich sogar meine Begleiter, die ich am Scheermoossattel ziehen lassen musste, wieder ein- und überholen. Es war ein sehr warmer Tag, an dem ich nicht viel falsch gemacht habe. Durch die  langen Vorbereitungseinheiten habe ich am Ende nochmal zulegen können – schönes Gefühl.

Etappe 3

  • Kaltern-Bormio 134 km
  • Hm bergauf 3.178
  • Ergebnis: Zeit: 3:13 h Platz AK 10
  • Ø Leistung 224 Watt // Normalized Power 247 W
  • Temperaturen Min 20°C, Max 40°C

Leider musste der Passo Gavia auf Grund eines Erdrutsches gestrichen werden. Dass Rennen ging bis km 85, danach „durften“ alle verpflichtend über den Mortirolo fahren, jedoch ohne Zeitnahme.

Die Königsetappe ist damit im Bezug auf das eigentliche Rennen extrem eingekürzt. Mein Plan war, zurückhaltend über den Mendel-Pass zu fahren, um  im Endspurt mit der Bergankunft am Passo Tonale nochmal Druck zu machen. Den Mendel-Pass mit seinen 856 Hm bin ich in 46:26 min und mit 281 Watt gefahren und hatte bis zum Tonale eine gute Gruppe. Die Auffahrt zum Tonale lief aber leider zäher als erwartet. Die 913 Hm bin ich in 56:23 min und mageren 249 Watt hoch. Kurz vor der Zeitnahme habe ich aus der Gruppe doch nochmal angegriffen und konnte mit etwas Abstand als erster der Gruppe über die vorgezogene Zeitnahme fahren. Danach hieß es so  kräfteschonend wie möglich über den Mortirolo zu kommen.

Etappe 4

  • Bormio-Livigno 133 km
  • Hm bergauf 3.455 Hm bergab 2.795
  • Ergebnis: Zeit: 5:22 h Platz AK 9
  • Ø Leistung 204 Watt // Normalized Power 231 W
  • Temperaturen Min 18°C, Max 37°C

Nach der gekürzten Strecke vom Vortag war die 4. Etappe die Königsetappe und es ging über den Umbrailpass zum höchsten Punkt der Tour Transalp 2019. Die Auffahrt zum Umbrail lief nicht so locker wie erhofft. Ich habe mich anfangs etwas zurückgehalten und bin dem hohen Anfangstempo von >300Watt nicht gefolgt. Etwas hinter meinen Erwartungen bin ich den Umbrail mit seinen 1.261Hm in 1:14 h und 260 Watt hochgefahren. In der Abfahrt musste ich wieder mal alle meine Begleiter ziehen lassen, nur kein Risiko eingehen. Leider waren wir dann in der Schweiz und das Drama fing an. Mindestens sechs Baustellenampeln und seitens der Schweiz keine Freigabe, dass die Fahrer der TTA Vorrang bei der Durchfahrt bekommen. ALLE mussten bei Rot halten und es waren natürlich immer alle Ampeln rot. Davon abgesehen war am Ofenpass der Ofen regelrecht aus, es war sehr warm und extrem zäh. Für die 718 Hm brauchte ich ewige 48:38 min bei mageren 245 Watt.

Auch am Berninapass lief es leider nicht besser. Insgesamt war es gefühlt kein guter Tag, auch wenn die Platzierung das nicht so wiedergibt. Den anderen ging es wirklich besser.

Etappe 5

  • Livigno-Aprica 110 km
  • Hm bergauf 2.463 Hm bergab 3.153
  • Ergebnis: Zeit: 4:17 h Platz AK 15
  • Ø Leistung 180 Watt // Normalized Power 228 W
  • Temperaturen Min 20°C, Max 39°C

Heute also die harte Auffahrt zum Mortirolo von Mazzo aus. Am Passo d´Eira und Passo Foscagno fuhren alle wieder, als wären es die einzigen beiden Pässe. Ich bekam am ersten Pass kaum Luft bei dem Tempo, so ließ ich gefühlt alle an mir vorbeiziehen, nur, um nicht zu überziehen. Nachdem dies überwunden war, ging es in einer großen Gruppe Richtung Mazzo und damit rein in den Mortirolo. Den Pass bin ich schon mindestens 3 Mal gefahren und wusste genau, was mich erwartet. Also hieß es, Ruhe bewahren. Bei meinem Gewicht musste ich durch die Steigung noch oft genug > 300Watt treten. Die 1.258Hm auf 11,4km konnte ich in 1:15 h, bei 250 Watt hinter mich bringen und Fahrer, die ich am ersten Pass ziehen lassen habe wieder einholen – Kräfte gut eingeteilt und auf die innere Stimme gehört. Es ging auf dem Pass noch einige Kilometer auf einer schmalen geschlängelten Straße entlang, bevor es in die gefürchtete sehr schlechte Abfahrt mit viel Licht- und Schattenwechsel ging. Ich beschließe, meine 5 Begleiter in der Abfahrt ziehen zu lassen und winke sie sogar vorbei. KEIN RISIKO eingehen! Aber da passierte es, 5 km vor dem Ziel. Bei ca. 50km/h habe ich ein sehr tiefes Schlagloch übersehen. Mein Vorderrad tauchte tief ab, und ich stürzte mit dem Rad in einer Vorwärtsrolle unsanft mit dem Kopf voran auf den groben Asphalt. Gefühlt hat der Sturz 5 min gedauert und ich habe intuitiv wohl viel richtig gemacht. Es schien schon mal, abgesehen vom Helm, nichts gebrochen zu sein. Aber alles voller Blut: Lenker, Hände, Arme, Beine. Was ist mit dem Rad? Hinten platt und Griffe verbogen, sonst nichts. Jetzt hieß es, schnell sein, bevor der Schock nachlässt oder ich noch mehr Zeit verliere. Trotz der blutenden Händen klappte sogar der Schlauchwechsel prima. Bevor ich die Kartusche ansetzen konnte, kam das Schwalbe Begleitfahrzeug. Cool, denke ich, spare ich mir die Kartusche. Man will mir ein Ersatzlaufrad geben, ich lehne ab und bitte nur um eine Standpumpe. Vor der Weiterfahrt bestand man noch darauf, mir einen Ersatzhelm auszuleihen, meiner war völlig zerstört und hat mir ohne Zweifel das Leben gerettet.

So, jetzt aber ins Ziel und ab zu den Sanitätern. Von den Sanitätern wurde ich super versorgt und hoffte nur, ich muss nicht zum Nähen in ein Krankenhaus . Von den Händen, Unterarmen, linkes Bein, rechte Schulter bis zum rechten Po hatte ich nun teilweise große und tiefe Schürfwunden. Abends bin ich nochmal zum Verbandswechsel und wurde mit Schmerztabletten versorgt. Würde ich morgen wohl wieder starten können?

Etappe 6

  • Aprica-Ossana 82 km
  • Hm bergauf 1.979 Hm bergab 2.204
  • Ergebnis: Zeit: 3:09 h Platz AK 17
  • Ø Leistung 193 Watt // Normalized Power 240 W
  • Temperaturen Min 19°C, Max 36°C

Was soll man einen Tag nach dem heftigen Abflug für ein Ziel haben, außer durchkommen? Und so war es auch. Am nun 3. Anstieg zum Mortirolo bin ich bewusst langsam gefahren, egal wie viele Fahrer an mir vorbei fuhren. Den Mortirolo bin ich mit 769Hm auf 21,3km verhalten in 1:08 h bei 232 Watt hochgefahren. In den steileren Abschnitten habe ich starke Schmerzen beim Atmen bekommen. Rippe und Lunge rechts haben mir am meisten Sorgen bereitet. Den zweiten und letzten Passo Tonale bin ich mit 223 Watt ebenfalls sehr zurückhaltend gefahren.

Im Ziel angekommen war ich glücklich und dem Finish der TTA ein Stück näher. Ebenfalls positiv, ich konnte trotz Sturz meine Berechtigung für Startblock A bis zur letzten Etappe behaupten.

Etappe 7

  • Ossana-Riva Del Garda 100 km
  • Hm bergauf 2.320 Hm bergab 3.201
  • Ergebnis: Zeit: 2:34 h Platz AK 12
  • Ø Leistung 200 Watt // Normalized Power 264 W
  • Temperaturen Min 19°C, Max 36°C

Nach einer nicht wirklich erholsamen Nacht und mit einem schlechten Körpergefühl, dachte ich mir, die letzte Etappe der TTA 2019 kann nur besser werden als die vom Vortag. Die Rennen, wo man sich am Anfang schlecht fühlt, sind oft die besseren. Und so war es auch.

Die Auffahrt zum Passo Campo Carlo Magno mit seinen 918 Hm auf 14,6 km auf 54 min mit 266 Watt liefen ganz gut und ich habe für die sehr steilen zwei kommenden Berge noch etwas Kraft gespart. Als nächstes ging es auf den Passo Daone mit 636 Hm und 6 km Länge sehr steil in 33 min und sportlichen 271 Watt hoch. Leider musste das Rennen auf Grund eines Verkehrsunfalls ohne Beteiligung eines Radfahrers an der 2. Verpflegungsstelle beendet werden, und es ging ohne Zeitnahme in den letzten richtigen Berg Passo Duron mit seinen 400Hm auf 5,2 km. Von der vorverlegten finalen Zeitnahme an der Verpflegungsstelle erfuhren wir erst im Ziel. Mit dem letzten Tag und der versöhnlichen Leistung habe ich mir nochmal gezeigt, dass meine Form gut war und ich wieder mal perfekt von Sebastian vorbereitet wurde.

Was bleibt noch zu schreiben? Ich war erstmals mit Frau und Kind im Camper auf der TTA unterwegs, und das hatte nochmal ganz andere Auswirkungen. Die 7 Tage sind bei ambitionierter Herangehensweise sehr anstrengend und fordernd, man befindet sich eigentlich wie in einem Tunnel. Der Tagesablauf besteht aus Essen, Rennvorbereitung, Rennen, Essen, Regenerieren, Essen, Radpflege und Schlafen. Ich bin meinen zwei Liebsten unendlich dankbar, dass sie die Strapazen auf sich genommen haben und mich ertragen haben. Rückblickend war es ein einmaliges Familienerlebnis. Es gibt nichts Schöneres, wenn man eine Leidenschaft teilen und gemeinsam erleben kann.

Sebastian Lang von Pure Power Cycling danke ich ebenfalls besonders, er hat mir 2014 und 2015 gezeigt, was man sportlich erreichen kann. Noch wichtiger ist für mich jedoch, aktuell zu sehen, dass man auch nach einer Auszeit und Rückschlägen mit Ehrgeiz wieder an alte Leistungen anknüpfen kann. Es gibt nichts Schöneres als im Flow einen Pass zu fahren.

von André Pfennig